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Die Masterarbeit – Magazin | December 6, 2021

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Von Feuerwehrautos und Jobsuche

Von Feuerwehrautos und Jobsuche
n.reinhard@die-masterarbeit.de'

Letztens war ich zu Besuch bei Florian, einem alten Freund aus Uni-Tagen. Florian ist so alt wie ich. Großer Unterschied aber: er ist schon verheiratet und hat zwei kleine Kinder – Moritz und Johannes. Während wir uns im Wohnzimmer unterhielten, spielten die beiden vergnügt umher. Moritz fand ein Feuerwehrauto und malte sich direkt aus, welch spannende Dinge dieses Auto wohl erleben könnte – wo können noch Brände gelöscht werden? Wie kann der Wassertank aufgeladen werden?

Vielleicht ist man in meinem Alter – mittlerweile immerhin 26 Jahre – einfach zu wenig von kleinen Kindern umgeben. Denn ich fand es unglaublich faszinierend und gleichzeitig erfrischend, welches Interesse und welche Motivation die beiden gegenüber ihrer Umgebung, ihren Mitmenschen und ihrem Spielzeug entwickeln konnten.

Am Tag darauf bekam ich einen Anruf von einem alten Freund aus Frankfurt. Eigentlich wollte er nach dem Studium in der Entwicklungshilfe einen Job beginnen. Hatte dort auch schon verschiedene Praktika absolviert. Hatte große Zukunftsträume. Jetzt habe er sich doch erstmal für den Job als Controller bei einer großen Bank entschieden, teilte er mir mit.

Ball + Zeit = Feuerwehrauto ?

In meinem Freundeskreis haben in den letzten Monaten viele alte Kommilitonen ihre erste Vollzeitbeschäftigkeit angenommen. Natürlich gibt es einige, die den lang ersehnten Job in der Management-Beratung bekommen haben. Oder ein tolles Trainee-Programm im Bereich Erneuerbare Energien. Aber die meisten quälen weiterhin die großen Fragen: Soll ich nicht erstmal etwas solides machen, bevor ich mich auf meinem Traumjob bewerbe? Lohnen sich vielleicht drei Jahre Bürojob, um sich dann für die richtig spannenden Jobs zu qualifizieren?

Schon verrückt, dass wir wahrscheinlich damals – als Kinder – auch alle unglaublich interessiert und motiviert waren, immer wussten, was genau wir machen wollten. Wie hätten wir damals reagiert wenn uns unsere Eltern gesagt hätten: “Spiel doch erstmal zwei Stunden mit diesem Ball hier. Mit dem Feuerwehrauto kannst Du später spielen”?

Gerade beim ersten Vollzeitjob scheinen wir kurioserweise Kompromisse einzugehen, die wir sonst nie eingegangen wären. “Isn’t that a little like saving up sex for your old age?”, wunderte sich schon Star-Investor Warren Buffet. Recht hat er. Aber warum tauschen wir unsere Träume und Interessen so früh gegen die Sicherheit eines 0815-Jobs ein?

Wie viele Feuerwehrautos gibt es eigentlich?

Ich glaube, ein wesentlicher Grund ist, dass uns der Überblick fehlt. Wir wissen nicht wirklich, was möglich ist, beschränken unsere Suche auf bekannte Unternehmen, Organisationen und Institutionen. Suchen bei den immer gleichen Suchbörsen und reden uns irgendwann – wenn wir einen Job bekommen haben – ein, dass es genau dieser Job ist, den wir immer gesucht haben.

Ich stelle mir vor, wie sich Moritz und Johannes irgendwann mit einem Ball arrangieren. Obwohl sie eigentlich weiterhin das Feuerwehrauto wollen. Kaum denkbar.

Eigentlich sollte es uns doch das Internet ermöglichen, die perfekte Übersicht, die perfekte Auswahl zu haben. Bei Amazon finden wir alle Produkte, können vergleichen, Bewertungen lesen. Uns entscheiden. Jobs suchen wir auf den großen Stellenbörsen. Aber Jobs lassen sich nicht nach dem gleichen Schema beschreiben wie Produkte. Und somit auch nicht suchen.

Feuerwehrauto = Polizeiauto?

Dies führt nicht nur zur Unsicherheit bei den Suchenden, sondern auch bei denen, die gefunden werden wollen – den Arbeitgebern. Mit einem  “Matching” versuchen viele neue Webseiten diese Unsicherheiten zu umschiffen. Die Jobs sollen – basierend auf meinen Lebenslaufdaten – zu mir passen. Und ich zum Arbeitgeber. Aber ist das so?

Natürlich spielen im Hintergrund komplexe Algorithmen zusammen. Aber hat die Technologie wirklich einen Absolutheitsanspruch? Letztlich werden ja auch nur Ausprägungen meines Interesses, nämlich meine Lebenslaufdaten mit kategorisierten Jobbeschreibungen verglichen. Ich habe mal was im “Business Development” gemacht, also bekomme ich jetzt Stellen aus dem Bereich. Toll. Wenn Moritz das Feuerwehrauto gefällt, soll ich ihm dann zum nächsten Geburtstag das Polizeiauto schenken? Oder doch eine Feuerwehrmann-Figur?

Feuerwehrauto = Feuerwehrauto?

Interessen lassen sich natürlich über Lebenläufe abbilden. Aber eben auch nur teilweise. Der Mensch wird immer der beste Filter sein. Komplexe Algorithmen finden also heraus, dass mich Feuerwehrautos interessieren. Wie wähle ich dann zwischen den Feuerwehrautos aus? Wahrscheinlich gucke ich mir die Farbe an, schaue vielleicht noch, wie groß das Feuerwehrauto ist. Aber die Funktionalität des Feuerwehrautos bekomme ich auf den ersten Blick nicht heraus.

Und so entscheide ich mich für ein Feuerwehrauto, was schön aussieht. Ähnlich ist es bei der Jobsuche. Wir fokussieren uns auf Jobtitel, Unternehmensname und Standort. Aber ob die Tätigkeit – das, was wir auf tagtäglicher Basis machen werden – spannend ist, uns wirklich interessiert, können wir nicht überprüfen. Ein guter Freund hat den achso tollen Job als Consultant bei einer Unternehmensberatung. Aber faktisch malt er jetzt PowerPoint-Slides.

Warum heißt das Feuerwehrauto überhaupt Feuerwehrauto?

In Berufen, die sich für Freelance-Arbeit eignen, gibt es bereits gar keine Job-Titel mehr. Es wird stets für ein klar definiertes Projekt angestellt, es gibt eine Tätigkeitsbeschreibung und ein Ziel. Nie wird einfach ein “Freelancer” gesucht, sondern immer jemand, der ein konkretes Problem löst. Auch der Freelancer sucht nicht nach einer “Freelance-Tätigkeit”, sondern nach bestimmten Problemen, die er lösen kann. Vielleicht fasziniert Moritz gar nicht das Feuerwehrauto, sondern die Fähigkeit, einen imaginären Brand zu löschen.

Für Vollzeitjobs scheint eine solche Logik noch nicht zu existieren. Dies fördert die Intransparenz über die existierenden Angebote. Und führt dazu, dass wir mit Spielzeugen spielen, mit denen wir eigentlich gar nicht spielen möchten. Dass wir Jobs annehmen, die wir eigentlich gar nicht ausüben wollen.

Interesse ist der Antrieb unseres Lebens. Es gibt Jobs, die genau unseren Interessen entsprechen. Sie müssen nur besser auffindbar, besser vergleichbar sein. Die Tätigkeiten sollten im Vordergrund stehen, sollten uns überzeugen. Sonst werden wir weiterhin mit Bällen spielen, obwohl wir Feuerwehrautos lieben.